Er
Diese Dunkelheit, er war dieser ewigen Schwärze überdrüssig. Langsam fing er an seine Glieder zu bewegen. Fetzen der vergangenen Nacht huschten in seinen Gedanken vorbei. Eine bleiche Schönheit lag ihm zu Füssen. Er hätte sie nehmen können, aber er war schon zu satt gewesen, hat sie einfach liegen gelassen. Nun spürte er aber wieder diesen Hunger, seine Kehle war trocken, als ob er in der Wüste genächtigt hätte. Er versuchte die Zunge zu bewegen, berührte seine Zähne von innen, tastete langsam seinen Gaumen ab. Das tat er immer zuerst, wenn er aufwachte, es war noch ein leichter Geschmack vom Vorabend an ihnen, er kostete das leicht herbe Aroma noch einmal nach. Sie waren von ausgesuchter Schönheit gewesen, aber sie reizten ihn nicht mehr, er lechzte nach Abwechslung. Leider lag es nicht in seiner Natur allzu große Veränderungen selbst in die Wege zu leiten. Er war sehr eingefahren in seiner Lebensweise und sah keinen Ausweg diese zu verändern. Langsam schob er das schwarze Tuch zur Seite und richtete sich auf. Er hatte einfach zu wenig Zeit, wenn er aufwachte, hätte er gerne noch ein wenig nachgedacht und vor sich hin philosophiert, aber er musste hoch, in die Gänge kommen, für seine tägliche Lebenserhaltung sorgen. Er blickte an sich herunter, wieder hatte er im Anzug geschlafen, er war zerknittert. Bedächtig strich er den Stoff glatt, was soll’s, es war eh nicht zu ändern. Er hätte auch einen anderen anziehen können, aber das wäre zu viel Aufwand gewesen, keine Zeit. Der Blick in den Spiegel fehlte ihm manchmal, doch eines Tages hatte er sich einfach nicht mehr ansehen können, und alles Glas um sich zerschlagen. Gerade heute hätte er gerne hineingesehen, seine feinen Züge betrachtet, seine weichen schwarzen Locken geglättet, seinen Bart rasiert. Leicht strich er mit den Händen über seine Wangen, die Stoppeln waren immer noch kurz, ein drei Tagebart, wie er zu seinem hübschen Sunnyboy Gesicht gerade passte. Gab ihm etwas männliches, ein guter Kontrast zu seinem weichen, sinnlichen Mund, der geraden etwas weiblichen Nase, den großen, verträumten blassblauen Augen. Er strich sich mit den Fingern durch die Haare, sie fielen ihm lang über die Schultern. Etwas oldfashioned, aber es passte zu ihm und seinem altertümlichen dunkelblauen Samtanzug. Er richtete den Kragen seines weißen Rüschenhemdes, zog die Manschetten ordentlich aus den Ärmeln und nestelte an den goldenen Manschettenknöpfen. Sie waren wunderschön, mit einem Wappen, sein ganzer Stolz, das einzige, was ihm von seiner Verwandtschaft geblieben war. Alle anderen waren tot, oder verschollen, mit der Zeit war alles verloren gegangen, bis auf diese wertvollen Schmuckstücke. Ach ja, ein Seufzer verließ seine Kehle, alte Sachen, irgendwann würde er auch die verlieren. Er blickte auf seine schmalen, feinen Hände, das Zittern begann wieder, es war ihm bereits so vertraut, wie das Hungergefühl beim Erwachen. Es störte ihn auch nicht sonderlich, es war für ihn eher wie ein kleiner Reiz, dem er ständig versuchte etwas länger stand zu halten. Und wenn er auch sonst alle Phänomene um sich unter Kontrolle hatte, so war es eben dieses Zittern welches wieder ihn leitete, und gegen das er im Endeffekt machtlos war.
Er blickte auf, nun hatte er wieder in Gedanken versunken dagestanden. Wie lange schon? Dass er auch nie die Zeit einschätzen konnte, es würde ihm eines Tages noch zum Verhängnis werden, da war er sich sicher. Er war zu verträumt für dieses Leben, in dem er so wenig Zeit für sich hatte. Ständig diese Jagd nach Frischen, Unbekannten. Männer wie Frauen, sie waren einfach zu leicht zu haben. Er brauchte sie nur anzusehen, mit seinem seidigen Blick, schon waren sie gefangen, verstrickten sich in seiner Liebkosung und gehorchten ihm aufs Wort. Er hatte sich mit der Zeit immer raffiniertere Vorgehensweisen ausgedacht, damit es ihm nicht selbst langweilig wurde. Nette Spielchen mit Seilen und Skalpellen - ach ja, wie schön, wenn ein eingebundener Körper von der Decke hing und er das Blut von den leichten Schnitten lecken konnte. Das Zittern wurde stärker, er musste sich langsam in Bewegung setzen, sonst würde er noch die Eröffnung verpassen. Er setzte eine dunkel getönte Nickelbrille auf, und verschwand.
Es war eine schöne Nacht, Nebelschwaden leckten über das Kopfsteinpflaster. Der volle Mond hing hoch über ihm und schien immer wieder durch die fliegenden Wolkenfetzen. Leichter Nieselregen benetzte die Luft, die Straßenlaternen gaben ein diffuses, gelbliches Licht. Lautlos bewegte er sich durch die Straßen, hin und wieder hörte er bekannte Geräusche, doch nichts was sein Interesse erregt hätte. Er würde zu dieser Vernissage gehen, das hatte er sich fest vorgenommen, nichts sollte ihn aufhalten. Keine Eskapaden, er wollte mal wieder ein wenig Kultur genießen, und vielleicht würde er selbst zur Kohle greifen und das neue Aktmodell skizzieren. Warum nicht mal selber wieder kreativ sein? Er konnte doch nicht immer nur konsumieren. Gelächter und Musik wabberten zu ihm herüber. Das Zittern wurde stärker, er würde sich hart am Riemen reißen müssen, seine Ungeduld zu bezwingen. Bei diesen Leuten musste man immer erst einmal Konversation betreiben. Es waren schon seltsame Wesen, es gab so viele dumme Dinge, über die bis ins Kleinste diskutiert wurde, und das mit einer Ernsthaftigkeit, die ihn zum Lachen brachte. Er konnte sie riechen, die Unwissenheit, manchmal war es direkt fatal, wie sehr ihn diese Attitüde abstieß und ihm doch gleichzeitig zu Hilfe kam, für sein eigenes Anliegen.
Wieder seufzte er tief und betrat die hell erleuchtete Galerie. Überall standen Menschen mit Sektgläsern vor skurrilen Gemälden, die an langen feinen Neylonfäden von der Decke hingen. Unbemerkt glitt er durch die Menge, und ortete seine Umgebung, er sah durch die üppige Garderobe auf nacktes Fleisch, zuviel, zu wenig, zu alt, zu jung, doch da war ein Objekt, an dem sich sein Blick festsaugte. Ein Bild auf der Staffel. Mit Kohle skizzierter nackter Körper, eine Frau, auf den Knien, den Oberkörper nach hinten gebogen, die Vulva weit nach vorn geschoben, der gestreckte Körper endete in ihrer vollkommenen Kehle, das Gesicht war nicht mehr zu sehen, lag hinter den Schultern versteckt. Ein Hals, wie geschaffen zur Liebkosung, für Küsse und Bisse, schutzlos dargeboten, ohne Rückhalt. Schade, die Malerei war wohl schon beendet, gerne hätte er das Objekt in natura betrachtet. Eine Glocke ertönte, die Sektgläser wurden beiseite gestellt, ein Raunen ging durch den Saal, alle setzten sich wieder an ihre Plätze. Auch er griff sich ein Blatt, ein Stück Kohle und nahm auf einem der bereit gestellten Schemeln Platz. Glück gehabt, die Pause war wohl gerade vorbei.
Er spürte die Frische, die wie ein kühler Luftzug an ihm vorbeischwebte. Ihr Körper war in ein Tuch gehüllt, der Duft der von ihr ausging ließ ihn erzittern. Ja, das war sein heutiges Opfer, er brauchte nicht mehr zu suchen, wieder einmal hatte er den richtigen Riecher gehabt, es war eben zu einfach. Das Modell stieg auf die Empore, ließ die Hülle fallen, und nahm die erste Position ein. Ihr Körper bog sich im Fünfminuten Rythmus in alle Richtungen. Vor seinem geistigen Auge verschnürte er sie jedes Mal gekonnt wie einen Ballen. Seine Hände glitten über das Papier, doch seine Augen waren unentwegt an ihren Körper geheftet. Alles an ihr war Nacken, die Linie ihre schmalen Lenden ließen die vollkommenen Venen erahnen, die Achselhöhlen, ihr Brustkorb, die schlanke Taille, das durchgebogene Rückrat, selbst ihre Fußgelenke reizten ihn, er leckte sich über die Lippen, bald würden ihm diese Gelenke gehören, er würde sie mit sich nehmen und sein Skalpell an ihnen entlang wandern lassen. Das Blut würde aus ihnen tropfen, langsam, unendlich langsam würde sie ihr Leben aushauchen, zu seiner Lust. Sie fing seinen Blick auf, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Er hatte sie, bevor sie auch nur ein Wort miteinander gesprochen hatten. Nach der Sitzung legten die Maler ihre Skizzen aus. Die junge Frau hatte sich bekleidet und schritt nun interessiert durch die Menge und betrachtete die Bilder von ihr. Er musste nicht lange warten, und sie stand neben ihm. Seine Abbildungen ihrer Körperteile beschränkten sich auf das was er gesehen hatte. Sie sah ihren Körper, arrangiert und zubereitet, wie ein köstliches Mahl. „Da läuft einem ja das Wasser im Munde zusammen!“ hörte er sie sagen. „Ihnen auch?“ Wie zufällig streifte er ihren Nacken, seine Hand glitt über ihre Schultern, er beugte sich vor und sog ihren Duft ein. „- wirklich, zum anbeißen...“ Sie erschauerte bei seiner Berührung und blickte ihm in die Augen. „Dass sie mit dieser dunklen Brille überhaupt so gut zeichnen können.“ „Nun, jeder hat seine Besonderheiten, der eine ist nachtblind und der andere scheut zu starke Beleuchtung, ich liebe die Dunkelheit, deshalb kann ich mich auch bei tiefschwarzer Nacht durch den Raum bewegen. Probieren sie es einmal aus, ihre Sinne schärfen sich, wenn sie eine Augenbinde tragen.“ „Ich weiß nicht, ich hätte Angst mich zu verletzen.“ „Scheuen sie nicht Verletzungen, sie erweitern ihr Bewusstsein. Wollen Sie mich begleiten? Ich lade sie auf einen Drink ein.“ Er nannte noch schnell die Namen einiger einschlägiger Lokalitäten der elitären Klasse, und schon war die Fliege im Netz.
Während er neben ihr her schritt, hatte er den überwältigenden Drang, sie an sich zu ziehen und in einen Hauseingang zu zerren, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und ihren zarten Körper aufzuschlitzen, aber er nahm sich zusammen und hielt sein Zittern unter Kontrolle. „Darf ich sie an einen besonderen Ort entführen, meine Liebe?“ „Wohin?“ „Es ist ein Geheimtipp, eine sehr skurrile Lokalität, ich denke Gothik nennt man diese Mode Erscheinung, aber sehr nett, es wird ihnen gefallen.“ „Warum nicht?“ Und schon hatte er sie in die richtige Richtung gelenkt, sie besuchten einen Club der extra Klasse, das Mädchen hatte sich noch nie in einer solchen Umgebung aufgehalten, das sah er ihr an, sie war begeistert, und offener, als er es erwartet hatte. Nun, manche Mäuse gingen einfach gerne in die Falle. Er bestellte Champagner auf Absinth und nach dem zweiten Glas, hatte er sie schon fast auf dem Schoß sitzen. Seine Wirkung auf Frauen war ihm bekannt, er setzte sie schon lange wirksam ein, doch dieses kleine Opfer hier war besonders leicht zu haben, sie bot ihre Reize förmlich an, war in keiner Weise affektiert oder zurückhaltend, nein, er schien ihr zu gefallen und sie hatte ihren Spaß an seiner Gesellschaft. Er wiederum war so versessen darauf sich selbst zu zügeln, dass er das Spiel noch ewig hätte hinauszögern können, aber er hatte wie immer keine Zeit. Sein Appetit war so sehr angeregt, dass er sie gleich hier in diesem Laden hätte nehmen können, ihm juckte es in den Fingern, die nun stärker zu zittern anfingen. Im Gewühl der vielen Gäste hatte er sie schon halb ausgezogen. Der eine oder andere guckte schon schräg herüber, und so mancher bekam Stielaugen, aber er wollte sich den Spaß nicht verderben, und ging nicht aufs Ganze. Als sie zur Toilette ging, wäre es ein leichtes gewesen, ihr nachzusteigen, und den Fluchtweg zu benutzen, aber nein, das hätte keinen Stil gehabt, und auf eine schnelle Nummer war er nicht aus. Vielleicht würde er sie auch besser in zwei Etappen aufteilen, das würde die Sache noch ein wenig erotischer gestalten, und er würde seine Phantasie spielen lassen können. Ja, warum nicht. Auf der letzten Party hatte ihm der Gastgeber eine nette kleine Droge untergeschoben, er selbst nahm das Zeug nie, aber er könnte es ja an ihr ausprobieren. Er sah ihr gedankenverloren in die Augen. „Was denkst Du gerade?“ „Oh, ich habe mir gerade ein wunderbares Spielchen für Dich überlegt. Was hältst Du davon, wenn wir zu mir gehen würden, und wir die nächsten Nächte gemeinsam verbringen würden?“ „Ich dachte schon Du würdest niemals fragen. Bist Du schüchtern?“ Darauf war er nicht gefasst. Die ging ja ganz schön ran. Er grinste breit, „Gut, noch ein Drink, und wir gehen los.“ „Na ich weiß nicht, ob ich den noch vertrage?“ „Ach was, einer geht noch, aller guten Dinge sind drei. Bitte noch einen „Death in the Afternoon“!“ Nun mußte er schnell handeln. Das Mittelchen war bald verabreicht, er zauberte es im Handumdrehen in das Getränk. Nun musste er nur noch seinen ersten Hunger stillen. Er blickte sich um und ortete die Personen in dem Club. Er fing einen Blick auf und lächelte, suchte weiter, und fing den Blick ein zweites mal. Ein lüsterner, etwas älterer Kerl war es, erhob sich und machte Anstalten zu gehen. „Ich bin gleich wieder zurück.“
Er glitt durch die Menge und schob sich hinter ihm aus der Tür. Ein paar Minuten später saß er wieder neben der jungen Frau. Sichtlich zufrieden und entspannt konnte er nun noch ein wenig Konversation mit ihr treiben, seine Hände hatten zu zittern aufgehört, und sie hatte wirklich schöne Augen und ein liebes Lächeln. Nach dem Drink bugsierte er sie aus dem Lokal, sie konnte kaum noch laufen. Wie schön, sie so willenlos in seinen Armen zu halten, und mit sich fort zu tragen. Kaum hatten sie sein Domizil erreicht, da schlief sie auch schon. Er legte sie behutsam in einen der Särge, schob ihr einen Knebel in den Mund, zog die Schnalle fest, legte ihr Hand- und Fußfesseln an und schob den Deckel zu. Das wäre geschafft. Nun konnte er sich selber niederlegen und den Tag vorüber gleiten lassen. Die Vorstellung erregte ihn, wie sie aufwachen würde und voller Panik bemerken würde im Dunkeln eingeschlossen zu sein und nicht mehr fliehen zu können. Tja, ihm war es auch einmal so ergangen, und er konnte sich noch heute gut an diese Situation erinnern. Sie hatte sein Leben verändert, und er war auf die dunkle Seite gewechselt. Nun sollte sie eine kleine Kostprobe erhalten, das war mehr als er den meisten zuteil werden ließ, die in seine Fänge gerieten. Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen. Zufrieden mit sich und der Welt legte er sich nieder und schloss die Augen, er würde wunderbare Träume haben, in denen er die nächsten Nächte vorausplanen würde.
Stille umgab ihn als er von seinem Hunger erwachte. Er schlug die Augen auf, sofort waren wieder die Bilder seines Traumes zugegen, nun würde er sie ausführen, wie wunderbar, die Geilheit kroch in seine Glieder, er fühlte sich lebendig, sehr lebendig, schmeckte seinen Gaumen, seine Zähne, der Imbiss die Nacht zuvor hatte seinen Hunger nur für kurze Zeit gestillt, nun würde er die Stunden auskosten und ein Festmahl halten, mit zartem gefügigem Fleisch. Er erhob sich und stieg aus seinem Sarg. Die Ruhestätte neben ihm war verschlossen, wie er sie verlassen hatte. Er schob den Deckel beiseite. Sie schlief, war wohl über die Panik in eine Art Ohnmacht gefallen. Vorsichtig und sanft löste er ihre Fesseln und zuletzt den Knebel. Das Riechsalz hatte er sich schon zurechtgelegt. Er öffnete die Flasche und hielt sie ihr unter die Nase. Die junge Frau erwachte, ihre Augen blickten ihn erschrocken an, sie wollte schreien, doch er legte ihr nur sanft der Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie beruhigte sich und er half ihr sich aufzurichten. „Ich hatte Dir eine Überraschung versprochen, wie war das für Dich?“ Zunächst konnte sie keine Worte fassen, sie war zu verwirrt. Dieser wunderschöne, charmante Mann konnte ihr doch keinen Schaden zufügen wollen. Doch die Panik und Verzweiflung, als sie das erste mal erwachte saß ihr noch tief in den Knochen. Er half ihr auf und sie betrachtete die beiden Särge. Sie waren wunderschön, schwarzes Ebenholz mehrfach lackiert, mit schmiedeeisernen Verzierungen. Die Griffe waren vergoldet und der Innenraum mit weißer Seide ausgekleidet. Die Kissen mit kostbarer Spitze besetzt. „Sie sind von erlesener Schönheit.“ „So schön wie Du es bist. Zieh Dich aus, Du bist hungrig, ich habe Dir ein Mahl kommen lassen, Du solltest Dich vor unserer ersten gemeinsamen Nacht stärken.“ Wie in Trance ließ sie sich von ihm entkleiden. Behutsam und versiert, löste er alle Knöpfe und Reißverschlüsse, befreite sie von allem lästigen Tand. Dabei strich er ihr immer wieder am Nacken entlang und liebkoste ihre Rundungen, aber besonders aufregend war es, wie er bestimmten Stellen, wie den Achselhöhlen, den Lenden und Kniekehlen seine Aufmerksamkeit widmete, wie sie es noch nie bei einem anderen Mann erfahren hatte. Sie erschauerte, wenn plötzlich etwas scheinbar hartes, scharfes über ihre Haut glitt, sich aber dann wieder zurückzog.
Er geleitete sie in ein Nebenzimmer, dort gab es einen wundervoll gedeckten Tisch, mit allem, was man sich für ein reichhaltiges Frühstück nur wünschen konnte. Überall leuchteten große Kerzen und verzauberten den Raum. Sie begann zu speisen. Zwischendurch fiel ihr auf, dass er keinen Bissen zu sich nahm, und fragte ihn danach. „Ich habe schon diniert, und den kleinen Hunger den ich nun verspüre hebe ich mir für später auf.“ Er beobachtete sie beim Essen mit einer Hingabe, die sie ganz nervös machte. Jede ihrer Bewegungen verfolgte er mit zärtlichen Blicken. Sie wurde ganz nass zwischen den Schenkeln, wie er sie so ansah. Er weckte in ihr ohne jede Berührung ein heißes Verlangen, einen Hunger, den sie nicht mit Brot oder Hühnchen stillen konnte, einen Durst, der weder mit Kaffee noch mit Orangensaft zu löschen war. Nachdem sie ihr Mahl beendet hatte, war sie so ausgehungert nach etwas Diffusem, dass sie es kaum noch aushalten konnte. Es war nicht allein die sexuelle Erregung, irgendetwas anderes lag zwischen ihnen, etwas, das ihr Herz schmerzvoll zusammenzog, etwas, das ihr befahl sich ihm zu Füssen zu werfen und darzubieten, für alles, was ihm in den Sinn kam. Er kannte diese Reaktion auf seine Blicke. Er genoss es immer wieder, wie sich diese Wesen zu Wachs in seinen Händen verwandelten. Was sollte es nun mit ihr anstellen? Er stand auf, reichte ihr seine Hand und bedeutete ihr sich zu erheben. Langsam schritt er mit ihr durch sein Reich. Lange wallende Vorhänge überall, verstaubtes, altmodisches Mobiliar. In der Mitte eines großen Zimmers hieß es sie stehen bleiben, schritt um sie und legte ihr von hinten ein seidenes Tuch über die Augen. „Nun wirst Du die Dunkelheit lieben lernen. Lass alles mit Dir geschehen, Du wirst diese Nacht erleben, als ob sie Deine letzte wäre.“
Wie hypnotisiert, ließ sie ihn gewähren. Er schlang immer neue Bänder und Riemen um sie, hob ein Bein an und schnürte es nach oben, dann wurde ihr ganzer Körper angehoben, sie schwebte durch den Raum. Ihr war nicht klar was er da tat, sie spürte an manchen Körperstellen ein leichtes Brennen, doch er leckte sie so genüsslich ab, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief und der Schmerz in Wonne versank. Bedächtig schritt er um sie herum, das Skalpell in der Hand. Leicht, ganz leicht setzte er es immer wieder an, machte einen sanften Schnitt und fing jeden Tropfen Blut mit seiner Zunge auf. Sie hing eingeschnürt von der Decke und drehte sich leicht. Ein wunderbares, skurriles Kunstwerk. Blutfäden verzierten ihren schlanken, verschränkten Leib, er hatte sie so zurechtgebogen, dass ihm die Schlagadern ihrer Lenden, leicht zugänglich waren. So liebte er es am meisten. Den Hals etwas zu Seite gebogen, rief sie förmlich danach getrunken zu werden. Aber er hatte sich noch unter Kontrolle. Er setzte sich auf einen bequemen Sessel, um die Skulptur zu betrachten, seine zitternden Hände griffen nach Papier und Kohle, er begann zu zeichnen. Er versuchte seine Begierde zu zügeln und in das Bildnis gleiten zu lassen. Die feinen Linien unter der durchscheinenden Haut, die sein Lebens Elixier verbargen, die Anmut ihrer Glieder, er empfand ein Gefühl der Liebe für diese Kreatur. Als das Bildnis vollendet war, gab es ein dämonisches Schattenwerk wieder, ein Lustwandel zwischen Körper und Seele. Er warf den Bogen auf den Stapel neben sich. Seine Hände zitterten nun so stark, dass ihm die Kohle aus den Fingern glitt. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, der Hunger überwältigte ihn, er musste sie haben, jetzt, sofort. Mit einem Satz sprang er auf sie zu und warf sich über sie, seine Zähne bohrten sich tief in ihren Hals, er sog ihren duftenden Odem in sich hinein, bis das Zittern verschwand. Sie schrie nicht, ließ es geschehen. Er ließ ab von ihr, musste sie wieder anschauen, strich leicht über ihre Hüften, entlang der verführerischen Venen, und beugte sich nieder zum Kuss. Sie hatte so viele verlockende Stellen, in die er sich versenken wollte, er durfte sie nicht zu schnell leer trinken. Immer wieder setzte er an und hielt wieder inne, suchte eine neue Stelle, und biss wieder zu. Ein Festmahl, wahrhaftig, das Warten hatte sich gelohnt.









